“Das Cholesterin ist einer der wichtigsten kardialen Risikofaktoren”. Ein Gespräch mit Dozent Dr. Franz Wiesbauer

Cholesterin ist einer der wichtigsten Risikofaktoren bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Umso wichtiger ist es sich mit dem Thema intensiv auseinander zu setzen und Einblick in die Therapien zu gewinnen. Diagnosia hat mit Privatdozent Dr. Franz Wiesbauer einem der führenden Cholesterin-Spezialisten in Österreich gesprochen um mehr über dieses spannende und wichtige Thema zu erfahren.
Sehr geehrter Herr Dozent Wiesbauer, vielen Dank für ihre Zeit. Sie sind Spezialist auf dem Gebiet der Cholesterinforschung. Erklären Sie uns kurz warum Patienten über ihr Cholesterin Bescheid wissen sollten
Das Cholesterin ist einer der wichtigsten kardialen Risikofaktoren. Das wissen wir seit der großen Framingham Studie. Herzkreislauf-Erkrankungen sind für den größten Teil der Todesfälle in unserer westlichen Kultur verantwortlich. Das Cholesterin ist einfach zu bestimmen und einfach zu behandeln. Jeder, der sein Risiko reduzieren will, an einem Herzinfarkt zu erkranken oder vielleicht sogar zu sterben ist also gut beraten, sich mit dem Cholesterin auseinander zu setzen.
In den Medien kursiert immer wieder die Einteilung in "gutes" (HDL) und "schlechtes" (LDL) Cholesterin. Ist diese Einteilung für den Laien auch ausreichend - und noch wichtiger - auch prinzipiell richtig?
Ja, diese Einteilung ist absolut wichtig und richtig. Wenn Sie heute ins Labor gehen um Ihr Cholesterin bestimmen zu lassen, werden Sie merken, dass mehrere Cholesterin-Komponenten bestimmt werden: das Gesamtcholesterin, das LDL-Cholesterin (das sog. böse Cholesterin), das HDL-Cholesterin (das sog. gute Cholesterin) und in seltenen Fällen auch noch das VLDL- oder IDL-Cholesterin. Für Ihre Leser sind aber nur die ersten drei Cholesterin-Komponenten von Bedeutung.
Um das "böse Cholesterin" zu therapien sind seit Jahren sogenannte Statine die Therapie der Wahl. Der Wirkmechanismus von Statinen ist weitgehend geklärt. Gibt es neue Therapiekonzepte auf diesem Gebiet ausser Kombinationspräparaten?
Es wird fest nach neuen Therapiekonzepten gesucht. Die Statine sind aber nach wie vor der Hauptpfeiler der Lipid- oder Blutfett-Therapie. Statine führen dazu, dass das böse Cholesterin, das LDL-Cholesterin, durch die Leber aus dem Blut "gefiltert" wird. Dadurch sinkt natürlich der Cholesterinspiegel, was sehr positiv ist. Die Statine haben aber auch weitere positive Effekte. Diese werden oft auch als "pleiotrope" Effekte bezeichnet. Um Ihnen ein paar Beispiel zu geben: Statine führen dazu, dass das Blut weniger gerinnbar ist, also "dünner" ist, dass es weniger Entzündung im Körper gibt, dass weniger Oxidation im Körper stattfindet usw. Außerdem gibt es einige Studien, die darauf hinweisen, dass Statine auch noch andere Krankheiten positiv beeinflussen, die eigentlich nichts mit Blutfetten zu tun haben. So hat man z.B. gesehen, dass Statine die Osteoporose positiv beeinflussen oder zu einer reduzierten Infektionsrate. Den genauen Wirkmechanismus kennen wir noch nicht. Dieser wird heftig umforscht. Um Ihre Frage abschließend zu beantworten: wir wissen dass Statine bei gleicher Fett-Senkung anderen Medikamenten überlegen sind, was höcht wahrscheinlich auf ihre pleiotropen Effekte zurück zu führen ist.
Wie viele wirksame Arzneimittel haben aber auch Statine Nebenwirkungen. Unter Ärzten ist die Rhabdomyolse eine gefürchtete Erscheinung bei der Einnahme von Statinen. Sehen Sie dies als problematisch?
Statine haben im Vergleich zu anderen, häufig verwendeten Medikamenten eine relativ geringe Nebenwirkungs-Häufigkeit. Wir sagen zu solchen Medikamenten, dass sie ein "gutes Risikoprofil" haben. Die Rhabdomyolyse ist absolut selten. Da gab es den Fall von Lipobay (Wirkstoff: Cerivastatin), das vom Markt genommen wurde aufgrund einer hohen Rate von Rhabdomyolyse Fällen. Wenn man sich die Daten aber genau anschaut, sieht man dass das Medikament damals eindeutig zu hoch dosiert wurde. Die Fälle von Rhabdomyolyse sind fast alle bei Patienten aufgetreten, die zusätzlich sog. Fibrate eingenommen haben. Das sind Medikamente, die zur Triglyzerid-Senkung verwendet werden und auch muskelschädigend sein können. Wenn also ein Patientn lediglich ein Statin einnimmt und das in einer üblichen Dosis, dann hat er ein sehr niedriges Risiko, eine Rhabdomyolyse zu entwickeln. Wenn er zusätzlich ein Fibrat einnehmen muss, dann sollte er sicherlich eingehend auf die Vorzeichen einer Muskelschädigung hingewiesen werden. Überhaupt sollte jeder Patient, dem ein Statin verschrieben wird darauf aufmerksam gemacht werden, dass er bei "Muskelkater-ähnlichen" Beschwerden sofort den Arzt aufsuchen soll, da diese Beschwerden eine Nebenwirkung von Statinen sein können.
Was können Patienten neben Medikamenten zur Cholesterinsenkung tun? Stichwort "Lifestyle Modification".
Wichtig ist eine ausgewogene Ernährung, ausreichend körperliche Betätigung, sowie ein "normales" Körpergewicht. So kann man sein Risiko-Profil ganz allgemein verbessern. Der Cholesterin-Wert eines Menschen ist aber zu einem großen Teil genetisch bestimmt. Das heißt, dass er bei vielen Menschen nicht ohne Medikamente in Griff zu bekommen ist. Man muss das Cholesterin allerdings erst ab einem bestimmten, absoluten Wert in Kombination mit einem bestimmten 10-Jahres-Risiko behandeln. Das heißt, wenn ich es durch Lifestyle-Maßnahmen schaffe, mein Körpergewicht in Griff zu bekommen, den Blutdruck zu reduzieren oder mit dem Rauchen aufzuhören, dann muss mein Cholesterin eventuell gar nicht behandelt werden.
Herr Dozent Dr. Wiesbauer, wir bedanken uns für das Gespräch!
Privatdozent Dr. Franz Wiesbauer ist Facharzt für Innere Medizin mit Spezialisierung im kardiologischen Bereich. Seine Habilitation behandelte den Effekt der Blutfette auf den Herzinfarkt und ihre Therapie. Als Fulbright Student war er an der renommierten Johns Hopkins University in Baltimore tätig und gründete vor kurzem die kardiologische E-Learning Plattform 123sonography.com Mehr Informationen finden Sie unter www.franz-wiesbauer.com.