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Wachkoma – Gefangen zwischen den Welten

GesundheitSa, 11/03/2012 - 14:42 by Sophie Stumberger

Ein Zustand der immer wieder für gemischte Gefühle und Kontroversen sorgt. Bei komatösen Patienten ist es eine klare Sache, sie sind weder wach noch bei Bewusstsein. Auch Schlaf ist mit nicht-wach-jedoch-bewusst eindeutig definiert. Die Zwischenebene Wachkoma definiert sich durch einen Wachzustand bei gleichzeitig fehlendem Bewusstsein.

Auf den ersten Blick nicht übermäßig kompliziert, ergeben sich bei genauerer Betrachtungsweise sowohl ethische als auch medizinische Problemstellungen.

Eines der weltweit führenden Forschungsteams ist die 2007 in Belgien gegründete Coma Science Group der Universität Liège. Angeführt vom Neurologen Dr. Steve Laureys, wurden aus 103 Patienten mit beschriebenem UWS und beurteilten deren Bewusstseinszustand mit Hilfe der Coma Recovery Scale-Revised.

Das unglaubliche Ergebnis: 41 % der Patienten zeigten sehr wohl Reste von Bewusstsein. Laureys war jener Arzt, der den 23 Jahre lang fälschlicherweise als Komapatient behandelten Rom Houben mit Locked-In Syndrom diagnostizierte.

Definitionssache

Das Wachkoma wurde in den letzten 35 Jahren als Vegetativer Zustand VS beschrieben. In Zukunft gebräuchlicher wird die Bezeichnung als Unresponsive Wakefulness Syndrome UWS (dt.: Syndrom nicht-reaktiver Wachheit). Die Betroffenen verfügen über einen Schlaf-Wach-Zyklus, Thermoregulation und benötigen in den Meisten Fällen keine künstliche Beatmung. Des Weiteren sind offene, umherschweifende Augen und spontane, jedoch keine willentlichen motorischen Verhaltensantworten möglich.

Die nächste Stufe bildet der Minimal Concious State MCS. Patienten sind dazu fähig mit ihrer Umwelt zu kommunizieren und/oder 2 unterschiedliche Objekte funktionell richtig zu nutzen.

Nicht zu verwechseln sind diese beiden mit dem Locked-In Syndrome. Hierbei bestehen gleichzeitig Tetraplegie (Art der Querschnittslähmung) und Anarthie (maximale Sprechstörung). Bei völligem Bewusstsein und willentlicher Gehirnaktivität, nachgewiesen mit Hilfe mentaler Vorstellungsaufgaben, können sie jedoch höchstens vertikale Augenbewegungen ausführen oder Blinzeln.

Differenzierung mittels CRS-R und HD-EEG

Doch wie lassen sich die einzelnen Bewusstseinszustände zuverlässig unterscheiden? Dieser Problematik versucht man mittels modernster Technik und ausgeklügelten Untersuchungsmethoden zu Leibe zu rücken.

Die 2004 überarbeitete und publizierte Coma Recovery Scale-Revised (CRS-R) dient der differnetiellen Dianose, Prognose und angemessener Therapieplanung für Patienten. Beurteilt werden auditorische, visuelle, morotische und verbale Funktion ebenso wie Kommunikation und Arousal. Die von Neurologen entwickelte, hochkomplexe und standardisierte Skala erlaubt eine Unterscheidung zwischen UWS/VS und MCS – soweit die Theorie.

Eine noch neuere Untersuchungsmethode ist jene mittels High Density Elektroencephalogram HD-EEG. Hierbei messen stolze 250 Elektroden die Weiterleitung eines Tons – angefangen von der Aufnahme, über dessen Einordnung und tieferliegende Verarbeitung. Insbesondere der letzte Schritt bleibt auch bei minimalem Bewusstsein erhalten. In einer Versuchsreihe gelang es zuverlässig, nicht nur zwischen gesund und komatös, sondern auch Unresponsive Wakeness-Syndrome und Minimal Concious State zu unterscheiden.

Nicht alles was glänzt

Trotz dieser überragenden Ergebnisse raten österreichische Experten zur Vorsicht, denn dass auch die ausgeklügelte CRS-R nicht unfehlbar ist, zeigt sich am Beispiel von Samuel Bohner. Mit 16 Jahren brach er während eines Fußballspiels plötzlich zusammen. Die nach CRS-R Kriterien erstellte Diagnose lautete auf einen dauerhaften Verlust der Hirnfunktion. Nach mehreren Wochen meldete sich Samuel mit dem Wort „Hallo“ zurück – entgegen aller Erwartungen.

Erklären lässt sich die Wendung dadurch, dass die beschriebenen Bewusstseinszustände fließend in einander übergehen – sowohl in die eine als auch andere Richtung.

Außerdem mahnt Dr. Eduard Auff, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie am Wiener AKH, die Intentionen hinter der Diagnose des Bewusstseinszustandes zu hinterfragen. Suchen doch eindeutig alle nach Anzeichen für Bewusstsein, bleibt eines unausgesprochen: Was passiert wenn nichts mehr da ist?

Hier droht die Gefahr einer wirtschaftlichen Betrachtungsweise, die zu Einsparungen an kostenintensiven Pflegemaßnahmen führen könnte. Außerdem warnt Auff davor, Patienten würden zu schnell aufgegeben werden.

 

Photo: Die bekannte Wachkoma-Patientin Terri Schiavo

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