Morbus Parkinson
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5 spannende Fragen an unseren Experten für Parkinson

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Dr. Dieter Volc ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Wien und anerkannter Experte auf dem Gebiet der so genannten zentralen Bewegungsstörungen. Zu diesen Erkrankungen, auch Movement Disorders genannt, zählen beispielsweise Morbus Parkinson, Restless-Legs-Syndrom (RLS) und andere neurodegenerative Erkrankungen. Als zweithäufigste dieser neurodegenerativen Erkrankungen (1) betrifft Morbus Parkinson mehr als eine Million Menschen in Europa (EPDA). Wir haben dies zum Anlass genommen Dr. Volc einige spannende Fragen zu der Erkrankung zu stellen.



Dr. Volc, Parkinson ist für viele eine Erkrankung, die vor allem mit älteren Menschen in Verbindung gebracht wird. Ist dies legitim oder können auch junge Menschen davon betroffen sein?


Bei etwa 15% der Betroffenen wird die Diagnose vor dem 50. Lebensjahr gestellt. Es ist klar, dass diese Gruppe – und es können unter 30-Jährige sein – noch ganz andere Probleme haben als die Älteren, die oft am Ende Ihres Berufslebens stehen, meist aber wenigstens mit der Kindererziehung fertig sind. Beruf und Beziehung leiden dann besonders.


Es finden sich beeindruckende Videos (z.B.: dgns.to/deepbrain ), in denen Parkinson-Patienten durch tiefe Hirnstimulation plötzlich keinen Tremor aufweisen. Für welche Patienten eignet sich diese Form der Therapie und welche Symptome können hierdurch verbessert werden?


Wir haben 30 Jahre schon diese phantastische Möglichkeit. In den letzten beiden Jahren war noch dazu ein gewaltiger technischer Fortschritt mit gerichteten Elektroden, bei denen die unerwünschten Wirkungen minimiert und die Therapieeffekte maximiert werden können. Außerdem sind die Stimulatoren aufladbar und müssen nicht mehr getauscht werden. Die Indikation ist klar definiert: Mehr als 6 Einnahmen eines DOPA-Präparates pro Tag ohne ausreichende Symptomkontrolle, Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen als Folge einer relativ hohen DOPA-Dosis) oder ein schwerer Tremor. Es können also alle Symptome des Parkinson behandelt werden, nicht nur der Tremor, der aber immer sehr beeindruckend ist, wenn er beim Ausschalten in der Sekunde verschwindet. Seit 10 Jahren machen wir die Behandlung in Vollnarkose und die Operations- und Spitalszeiten haben sich wesentlich verkürzt.


Einzelne Studien meinen regelmäßiger Bewegung einen gewissen präventiven Effekt für Morbus Parkinson nachweisen zu können. Gibt es tatsächlich Verhaltensmuster, die das Risiko einer Erkrankung verringern?


Das lässt sich schwer sagen, da es darüber ja keine prospektiven Studien gibt. Nachgewiesen ist, dass Parkinson-Patienten ein eher anhedonistisches Leben geführt haben, und aufgrund prospektiver Studien an bis zu 18.000 Menschen wissen wir, dass regelmäßiger Kaffeegenuß, in kleinen Mengen regelmäßiger Alkoholkonsum und vor allem ein sportliches Leben dazu führen, dass diese Menschen weniger häufig an Parkinson erkranken. Umgekehrt haben Coffein und Alkohol genauso wie Nikotin (und ebenso das momentan gehypte Cannabis) überhaupt keinen nachweisbaren therapeutischen Effekt. Ganz im Gegensatz zu Bewegung. Die macht 50% jedes Therapieerfolges aus und ist sehr viel schwerer zu vermitteln als eine Medikamenteneinnahme.

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Das Parkinson-Syndrom fällt durch seine motorischen Symptome auf, da die Krankheit vor allem dopaminerge Neurone betrifft. Welche nicht-motorischen Symptome sind für Parkinson-Patienten besonders belastend?


Sehr häufig besteht ein niederer Blutdruck und eine Neigung zur orthostatischen Dysregulation, also Sekunden dauernder Schwindel beim raschen Aufstehen. Außerdem quält die Obstipation – oft ein Frühzeichen von Parkinson. Ein Speichelfluss kann sehr störend sein, in späteren Phasen kann auch eine Inkontinenz dazu kommen. Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit beeinträchtigen das Gemüt ebenfalls und Depressionen selbst treten häufiger auf. Das wichtigste Vorzeichen ist eine Störung des Geruchssinnes, die aber die Betroffenen nicht beeinträchtigt. Meist merken sie es gar nicht. Die ganz typische Verwechslung von Gerüchen verwenden wir sehr gerne in den Frühphasen der Erkrankung und sie geht den motorischen Symptomen um Jahre voraus.


Wie hat sich die Therapie des Parkinson-Syndroms in den letzten Jahrzehnten verändert und welche neuartigen Therapieansätze könnten in Zukunft interessant werden?


Wir haben drei große Gruppen von Medikamenten. Die Substitution mit DOPA seit den 60er Jahren ist 50 Jahre später noch immer der Goldstandard der Therapie. Die Stimulation mit Dopaminagonisten kam in den letzten 25 Jahren dazu und die Hemmung des Abbaues mit MAO-B – und COMT-Hemmern ebenfalls. Man könnte also sagen, es hat sich nicht viel geändert. Das stimmt aber gar nicht. Ich sage immer, wir hatten schon immer einen „Bösendorfer“, konnten aber mit einem Finger „Hänschen Klein“ spielen. Mittlerweile gibt es ausgezeichnete Pianisten. Die Tiefe Hirnstimulation und die beiden Pumpensysteme, die eine für DOPA, die andere für den Dopaminagonisten Apomorphin, haben die Landschaft nachhaltig verändert. Nicht vergessen werden darf, dass sich das grundlegende Verständnis für die Natur dieser degenerativen Nervenleiden weit über Parkinson hinaus sehr vertieft hat und ganz neue Ansätze kommen werden. Bei der Frühtherapie, Stichwort Impfung, haben wir die erste Türe aufgemacht, jetzt sind wir dabei mit Hilfe der Mikroelektronik und AI (artificial intelligence) die nächste Revolution einzuleiten.


Vielen Dank für dieses spannende Interview, Dr. Volc!


Wir bei Diagnosia sind bereits gespannt, was die Forschung in Zukunft auf diesem Gebiet noch bringen wird und halten euch auf dem Laufenden!


Quellen

1. de Lau LM, Breteler MM. Epidemiology of Parkinson’s disease. Lancet Neurol. 2006;5(6):525-35.
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