Interstitium
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Das Interstitium – ein neues Organ

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Eine vor kurzem publizierte Arbeit eines Teams der New York University School of Medicine machte auch in Populärmedien Schlagzeilen: Ein neues Organ will gefunden worden sein – eines, das wir trotz des Fortschritts, den die moderne Medizin in den letzten Jahrzehnten machte, in dieser Form noch nicht kannten und das den Namen ‚Interstitium‘ trägt.

Die Frage, die sich hier nun klarerweise stellen, sind: Wie konnten wir mit all unserer Bildgebung, den 7 Tesla Magnetresonanztomografen und den Atome darstellenden Elektronenmikroskopen dieses Organ so lange übersehen? Und: Was ist das überhaupt für ein Organ?

Unsichtbar, weil platt

 

Eine Erklärung dafür, warum wir dieses mysteriöse Organ noch nicht zu Gesicht bekommen haben, könnte die Art sein, in der Gewebe bis dato untersucht wurde. Pathologen und Wissenschafter schneiden es in dünne Scheiben, behandeln es mit Chemikalien und fixieren es unter Glas, bevor es unter das Mikroskop kommt. Was dabei passiert ist jedoch vermutlich auch Grund der bisherigen Nicht-Entdeckung: Das Gewebe verliert seine gesamte Flüssigkeit und besteht nur noch aus einer platten Schicht seines Gerüsts.

Besser kann man sich dies am Beispiel einer Clementine vorstellen: Eine Clementinen-Spalte besteht hauptsächlich aus Wasser. Dieses Wasser wird durch die Haut der Spalte und durch, das Innere durchziehende Septen in seiner typischen Form gehalten. Will man aber nun diese Clementinen-Spalte unter dem Mikroskop betrachten, so muss man eine hauchdünne Schicht davon schneiden und sie auf einem Objektträger fixieren. Betrachtet man lediglich diesen dünnen Schnitt, so käme man vermutlich nicht auf die Idee, dass das große Ganze, von dem er stammt, eine große, zusammenhängende und flüssigkeitsgefüllte Struktur – eben eine Clementinen-Spalte ist. Genau so verhält es sich mit dem Interstitium.

Ein körpereigener Airbag

 

‘Den New Yorker Forschern zufolge ist dieses neue Organ nämlich genau das: Ein großer, unter der Haut befindlicher und den gesamten Respirations-, Verdauungs- und Harntrakt umgebender, verbundener Flüssigkeitsraum. Gestützt von einer netzartigen Struktur aus stabilen Kollagen- und flexiblen Elastin-Fasern kann er unter anderem als ein Schock-Absorber wirken, der den Stress, den pulsierende Gefäße, ein pumpendes Herz oder ein arbeitender Magen auf das gesamte umliegende Gewebe ausübt, abfängt und damit verhindert, dass dieses reißt. Diese Idee führte die Forscher dazu, das Organ treffend als eine Autobahn der Flüssigkeit im Körper zu bezeichnen. Es mag laut ihnen auch eine Erklärung dafür sein, dass Krebszellen, welche in diesen Raum eindringen, deutlich leichter und wahrscheinlicher an andere Stellen im Körper streuen.

Ebenfalls interessant ist, dass die Zellen, welche in diesem flüssigkeitsgefüllten Raum zu finden sind und die Kollagen-Bündel, denen sie anhaften, mit dem Alter gewissen Veränderungen unterliegen und somit Ursache der Faltenbildung der Haut und des Ersteifens von Gelenken sein könnten.

Lebendes Gewebe unter dem Mikroskop

 

Wie wurde also dieses Organ entdeckt, wenn es sich unter dem Mikroskop so schwer festmachen lässt? Die Antwort dazu ist eine Untersuchungstechnik, die den klingenden Namen ‘probe-based confocal laser endomicroscopy’ trägt. Dabei wird mittels eines Endoskops ein lebendes Gewebe wie z.B. der Gallengang eines Patienten betrachtet. Der Laser beleuchtet dabei das Gewebe, während Sensoren die Reflexion, die dieses abgibt, auffangen. Verarbeitet man diese Information, so bietet die Methode eine Möglichkeit, lebendes Gewebe wie unter dem Mikroskop zu betrachten, ohne es jedoch seiner Flüssigkeit zu berauben und plätten zu müssen.

Im Zuge von 12 Operationen an Gallengangs-Karzinomen angewandt, fanden die Forscher so ein System aus miteinander verbundenen Flüssigkeitsräumen, die das submuköse Gewebe des Gallengangs umgaben und mit keiner bekannten anatomischen Struktur übereinstimmten. Mit einem Auge für diese Struktur untersuchten sie weiteres Gewebe des Körpers und fanden das Interstitium auch noch an weiteren Stellen, z.B. im Respirationstrakt. Zur endgültigen Bestätigung wurden von dem Gewebe dann klassische Mikroskopie-Schnitte angefertigt, welche die dünnen Räume, die bis dato als Risse im Gewebe im Zuge der Aufbereitung abgetan wurden als kollabiert und vormals flüssigkeitsgefüllt identifizierten.

Diese Entdeckung mag nicht nur in der Erforschung von Krebs und seiner Metastasierung oder der Ursachen unserer äußeren Alterserscheinungen essentiell sein. Sie birgt das Potenzial viele andere noch unklare Prozesse unserer Körpers besser zu verstehen.

Wir bei Diagnosia finden das natürlich höchst spannend und sind schon sehr neugierig, welche Erkenntnisse hier noch auf uns warten!

 

Quellen

  1. Science Daily
  2. Nature Journal
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Über den Author

Lorenz Pichler
Medizinstudent im letzten Studienjahr mit der Ambition zum Unfallchirurg und Orthopäden. Besitzt abseits vom Hammern, Schrauben und Sägen ein Faible für Skitouren, Fahrräder, die Berge und Evidence Based Medicine. Bei Diagnosia schreibt er über rezente Forschung, therapeutische Guidelines und spannende Patient-Cases.