Der Arzt im Netz
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Wie die „Erlaubniskultur“ Ärzte daran hindert im Netz aktiv zu werden

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Kürzlich kritisierte Richard Smith, Redakteur des British Medical Journal (BMJ), das New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentliche keine Schriften, welche deren eigens publizierten Beiträge in Frage stellen oder gar widerlegen würden. In seinem Beitrag, dem BMJ BLOG, bezeichnete er das NEJM als elitär. Er stellte folgende Frage: „Wenn die elektronische Datenwelt unlimititert ist (Stichwort „Der Arzt im Netz“), warum werden dann diese Informationen eingeschränkt?“

Natürlich ein guter Einwand. Aber warum wird davon ausgegangen, die Kontrolle über den Informationsaustausch obläge dem NEJM? Dieses Beispiel illustriert sehr gut, was ich als „Erlaubniskultur in der Medizin“ bezeichne.

Als Mediziner sind wir dazu erzogen worden erst um Erlaubnis zu bitten, bevor wir das Mikrofon ergreifen. Seit Hunderten von Jahren war es uns erst möglich uns zu äußern, wenn wir vorher die Autorisierung dazu bekommen haben. Die einzige Möglichkeit unsere Ideen und unser Wissen an die Öffentlichkeit zu bringen, waren medizinischen Fachzeitschriften oder vom Podium einer (inter)nationalen Tagung aus.

Es war erforderlich, dass unsere Ideen jemandes Filter passieren, bevor wir sie verbreiten konnten.

Jene wütenden Wissenschafter, die von Smith zitiert wurden, entstammen einer Generation an Medizinern, in der jemand anderer entschied ob deren Ideen es wert waren diskutiert zu werden. Es handelt sich um eine Generation, die auf Zurückhaltung in Ihrem Denken und Tun trainiert wurde – eine Generation der Informationsisolation.

Diese „Erlaubniskultur“ brachte eine unterwürfige Gefolgschaft hervor.

In Poke the Box bezeichnet es Seth Godin als „Tyrannei des Auserwählt-Werdens“ – das Warten und Hoffen „erkennt die Macht des Systems an und übergibt dadurch die Verantwortung der Initiierung an jemand anderen.“

Das ist bedauerlich. Denn wenn ich an meine Kollegen denke, denke ich an deren bemerkenswerten Gedanken- und Wissensaustausch. Alle sind einzigartig und brillant in ihrem Denken und ihrer Art und Weise die Welt zu sehen. Sie sehen Krankheiten, das menschliche Befinden und den Menschen in seiner Gesamtheit auf unterschiedliche Art und Weise.

Jeder Einzelne trägt Wissen und Erfahrungen mit sich herum, die Leben retten könnten.

Aber ihr großartiger Geist und ihre Weisheit schlummern im Verborgenen. Sie sind menschliche Speicher, voll von einzigartigen Erfahrungen, mit individuellen Blickwinkeln und einem unvergleichlichen Horizont.

 

Der Arzt im Netz

Die Art und Weise wie die Welt kommuniziert und Ideen kreiert, verändert sich jedoch. Die Barriere vor der Veröffentlichung von Wissen ist gewissermaßen nicht mehr existent. Die Demokratisierung der Medien errichtete jedem Mediziner und jedem Wissenschafter eine Plattform, von der aus er seine Ideen in die Welt hinaustragen kann. Irgendwie glauben wir jedoch trotzdem noch immer, dass das NEJM das Zepter in der Hand hält.

Die Umwandlung von medizinischer Information in Wissen und Wissen in Weisheit kann nur in einer Kultur der Partizipation geschehen.

In der sich entwickelnden vernetzten Welt sind wir alle Individuen, ausgestattet mit einzigartigen Fähigkeiten, Talenten und Begabungen. Die einzigartigen Sicht- und Denkweisen, die uns definieren, ermöglichen es uns etwas anzubieten, das noch nie zuvor verfügbar war. Der Arzt im Netz ist so ein Beispiel dafür (s. Beitrag hier).

Es herrscht noch immer die Annahme, der einzige Platz für Dialog und Publikation befände sich innerhalb der Grenzen einer „paywall“-kontrollierten Plattform. Aber diese Ansicht ignoriert die Art und Weise, wie die Welt heutzutage kommuniziert und Informationen sich verbreiten.

Das Problem dabei sind nicht die antiquierten Vorgehensweisen des NEJM, sondern das unzeitgemäße, auf Erlaubnis basierte Denken der medizinischen Allgemeinheit.

veröffentlicht am 13. Juli 2013 von Bryan Vartabedian
übersetzt von Valerie Ernegg

 

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