Die Auswirkung von Alkohol auf die Gehirnentwicklung Jugendlicher
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Die Auswirkung von Alkohol auf die Gehirnentwicklung Jugendlicher

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Gehirnentwicklung und neuronale Plastizität

Die  Gehirnentwicklung verläuft in Phasen, die durch ein genetisches Programm und epigenetische Faktoren gesteuert werden. Diese stellen infolgedessen sicher, dass die nötigen neuronalen Grundlagen für die weitere Entwicklung zur Verfügung stehen. Vor der Geburt dominieren zuerst die genetisch determinierten molekularen Programme, die durch die, auf den Fetus einwirkenden Umwelteinflüsse nur in relativ geringem Maße moduliert werden. Später bei der Geburt nimmt die Komplexität der erfahrbaren Umwelt sprunghaft zu und die neu hinzukommenden sensorischen, motorischen und vor allem auch emotionalen Erfahrungen übernehmen schließlich die Regie über die genetischen und molekularen Programme (Braun et al. 2002).

Die neuronale Plastizität ist altersabhängig. Das heißt: in den verschiedenen Entwicklungsphasen sind es unterschiedliche Gehirnbereiche, die eine gesteigerte Plastizität aufweisen. Die erhöhte Plastizität des Gehirns in den unterschiedlichen Gehirnbereichen (wobei der Zeitpunkt, zu dem dies geschieht, offenbar genetisch festgelegt ist) schafft so genannte kritische oder sensible Phasen. Das bedeutet, dass die Gehirnentwicklung in diesen Zeitabschnitten besonders anfällig für schädigende Einflüsse ist. Dagegen können manche Schädigungen, wie zum Beispiel Schädel-Hirn-Traumen, in dieser Phase mitunter besser kompensiert werden. Ebenso können fördernde Einflüsse in dieser Phase einen besonders positiven Effekt auf die Entwicklung haben.

Sensible Phase – Jugendalter

Im präfrontalen Cortex (welcher u.a. für Gefühlskontrolle und Entscheidungskompetenz, Unterdrückung von Reaktionen, Selbstkontrolle etc. von entscheidender Bedeutung ist) beginnt die Hauptphase der Synapsenbildung vergleichsweise spät, und zwar erst ungefähr zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr (bei Mädchen etwas früher als bei Jungen). Das Synaptic Pruning dauert später bis ins Erwachsenenalter hinein (Amlien et al. 2016). Das Volumen der weißen Substanz nimmt im jungen Erwachsenenalter linear zu bzw. ergibt es nach der Pubertät schlussendlich das relativ stabile Gesamtvolumen des Gehirns (Giedd et al. 2009). Diese Umbauvorgänge sind möglicherweise die Erklärung dafür, warum es in der Adoleszenz zu den bekannten Stimmungsschwankungen und starken, oft unkontrollierten emotionalen Reaktionen kommt.

In der ersten Phase der zerebralen Umbauvorgänge haben die Eltern noch einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. In der Adoleszenz hingegen beeinflusst der Teenager die Entwicklung und damit die Spezifizierung seiner neuronalen Verbindungen selbst. Er entscheidet, welche Schwerpunkte er in seinem Leben setzt, was ihm wichtig ist bzw. was nicht und damit indirekt auch, welche Neurone bestehen bleiben und welche nicht. Studien haben gezeigt, dass bei Teenagern bei der Zuordnung einer abgebildeten Physiognomie zu einer bestimmten Emotion interessanterweise nicht, wie bei Erwachsenen, der frontale Cortex, sondern vor allem die Amygdala aktiv ist. Dies führt im Folgenden zu einer deutlich emotionaleren Antwort, als dies aufrund des Regulativs des frontalen Cortex der Fall wäre (Yurgelun-Todd 2007). Was in diesem Zusammenhang  außerdem erwähnenswert ist: Jugendliche tendieren eher zu einem riskanteren Verhalten (Burnett et al. 2010; Van den Bos & Hertwig 2017), als das bei Kindern oder Erwachsenen der Fall ist.

Wie bereits erwähnt ist die Gehirnentwicklung in diesen Zeitabschnitten besonders anfällig für schädigende Einflüsse, dazu zählt beispielsweise auch Schlafmangel oder der Konsum von Alkohol.

Alkoholkonsum von Jugendlichen

Den Alkoholkonsum von Jugendlichen durchleuchtet unter anderem die ESPAD – the European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs. Deren Hauptzweck ist es, von 15- bis 16-jährigen Schülern in 48 europäischen Ländern vergleichbare Daten über deren Substanzkonsum zu sammeln.

Der ESPAD-Report von 2015 berichtet folgendes: Die Jugendlichen geben an, dass alkoholische Getränke in den meisten Ländern leicht verfügbar sind. Fast die Hälfte der 15- bis 16-Jährigen (47%) berichten über Alkoholkonsum im Alter von 13 Jahren oder jünger. Es waren des Weiteren eher Jungen als Mädchen, die in jungen Jahren Alkohol konsumiert hatten. Einer von zwölf Schülern hatte im Alter von 13 Jahren oder sogar noch jünger bereits eine Alkoholintoxikation. Durchschnittlich haben außerdem 80% (in Österreich 88%) der  15- bis 16-Jährigen mindestens einmal in ihrem Leben Alkohol getrunken. Darüber hinaus berichten 13% der Jugendlichen, dass sie in den letzten 30 Tagen berauscht waren. Im Durchschnitt berichtete jeder Dritte von starkem episodischen Alkoholkonsum im letzten Monat, in Österreich berichtete sogar etwa jeder zweite Schüler davon. Beim sogenannten „Rausch-Trinken“ führen Österreich, Dänemark und Zypern die Statistik sogar an.

Übersichtsarbeit – Auswirkungen von Alkoholkonsum auf neuronale Gehirnentwicklung

Welche schädigenden Auswirkungen Alkoholkonsum im Jugendalter auf die neuronale Gehirnentwicklung sowie die damit verbundene Kognition hat, wurde bereits in verschiedenen Querschnitts- und Längsschnittstudien untersucht. Diese wurden inzwischen in einer Übersichtsarbeit (Cservenka & Brumback, 2017)  nochmals genauer durchleuchtet bzw. zusammengefasst. Eingeschlossen wurden hierzu Studien, die mithilfe einer funktionellen Magnetresonanztomographie die Gehirne von trinkenden und abstinenten Jugendlichen miteinander verglichen. Des Weiteren wurden in verschiedenen psychologischen Tests Impulskontrolle, Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis, Lernfähigkeit und Abhängigkeitsgrad der Jugendlichen untersucht.

Das Ergebnis war schließlich besorgniserregend: Das Gesamtvolumen des präfrontalen Cortex und des Kleinhirns war bei den trinkenden Jugendlichen geringer. Außerdem wiesen ihre Gehirne im MRT weniger weiße Substanz auf als die der abstinenten Vergleichsgruppe.

In den psychologischen Tests zeigte sich, dass Alkohol trinkende Jugendliche tendenziell impulsiver reagierten, über eine geringere Aufmersamkeitsspanne verfügten und mehr Schwierigkeiten hatten neue Vokabeln zu lernen. In manchen dieser Studien wurden Jugendlichen im Folgenden Bilder von alkoholhaltigen Getränken gezeigt. Bei jenen, die regelmäßig Alkohol tranken, zeigte sich im MRT infolgedessen ein starker Response im Belohnungssystem (mesocorticolimbische Regionen, einschließlich Striatum, anteriorem cingulärem Cortex (ACC), Hippocampus und Amygdala).

Ein früh einsetzendes vermehrtes Trinken von Alkohol erhöht daher signifikant das Risiko für nachfolgende Alkoholkonsumstörungen und damit verwandte Probleme (Hingson et al. , 2006).

Immer mehr Studien zeigen seitdem den negativen Einfluss von Alkohol auf die Gehirnentwicklung von Jugendlichen auf. Die Frage ist folglich: Was können wir tun, um Jugendliche vor den schädigenden Einflüssen von Alkohol zu schützen!?

 

Quellenangabe

Amlien I. K., Fjell A. M., Tamnes C. K., Grydeland H., Krogsrud S. K., Chaplin T. A., et al. . (2016). Organizing principles of human cortical development–thickness and area from 4 to 30 years: insights from comparative primate neuroanatomy. Cereb. Cortex 26, 257–267. 10.1093/cercor/bhu214

Cservenka, A. and Brumback, T. (2017). The burden of binge and heavy drinking on the brain: effects on adolescent and young adult neural structure and function. Front. Psychol. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.01111

http://www.espad.org/report/situation/early-onset-of-substance-use

Braun, K., Bock, J., Gruss, M., Helmeke, C., Ovtscharoff, Jr.W,, Schnabel, R., Ziabreva, I., Poeggel, G. (2002). Frühe emotionale Erfahrungen und ihre Relevanz für die Entstehung und Therapie psychischer Erkrankungen. In: Strauß B, Buchheim A, Kächele H (Eds.) Klinische Bindungsforschung: Theorien-Methoden-Ergebnisse. Schattauer-Verlag, Stuttgart-New York, 121-128.

Burnett S., Bault N., Coricelli G., Blakemore S.-J., (2010) Adolescents’ heightened risk-seeking in a probabilistic gambling task. Cogn Dev. Apr; 25(2): 183–196.

Giedd J. N., Lalonde F. M., Celano M. J., White S. L., Wallace G. L., Lee N. R., et al. . (2009). Anatomical brain magnetic resonance imaging of typically developing children and adolescents. J. Am. Acad. Child Adolesc. Psychiatry 48, 465–470.

Hingson R. W., Heeren T., Winter M. R. (2006). Age at drinking onset and alcohol dependence: age at onset, duration, and severity. Arch. Pediatr. Adolesc. Med. 160, 739–746. 10.1001/archpedi.160.7.739 [PubMed] [Cross Ref]

 psyclex.de– Max Planck Institut für Bildungsforschung- Scientific Reports – http.//dx.doi.org/10.1038/srep40962; Jan. 2017

Van den Bos W., Hertwig R., Adolescents display distinctive tolerance to ambiguity and to uncertainty during risky decision making. (2017) Scientific Reports, Article number: 40962.

Yurgelun-Todd, D. (2007). Emotional and cognitive changes during adolescence. Curr Opin Neurobiol. 14(2), 251-257.

 

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