EBM
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Ein Leitfaden zu: Evidence-based Medicine (EBM)

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Darüber, dass sich das medizinische Wissen in etwa alle 73 Tage verdoppelt, haben wir bereits berichtet. Dabei generiert eine immer größer werdende Schar an WissenschafterInnen in zunehmenden Tempo laufend neue Erkenntnisse. In der der schieren Flut an neuem Wissen, die auf uns niederprasselt, konkurrieren eine Vielzahl an Informationen um unsere Aufmerksamkeit. Diese Tatsache macht es notwendiger den je relevante von irrelevanter und valide von invalider Information zu unterscheiden. Denn bereits ein uraltes Zitat, welches dem Philosophen Lucius Annaeus Seneca (1 – 65 n. Chr.) zugeschrieben wird, besagt: “Es ist mehr die Qualität als die Quantität, die zählt.”

Vom Harnstein zur EBM

Bereits 1835 führte der französische Arzt Civiale eine der ersten, groß angelegten medizinischen Statistiken durch. Im Zuge dieser untersuchte er die die Korrelation von unterschiedlichen Erkrankungen und Harnsteinen an den damals größten Krankenhäusern Europas (1). Was er dabei nicht wusste war, dass sich sein empirischer Ansatz zum Gold-Standard der medizinischen Wissensfindung etablieren sollte. Ungefähr 155 Jahre später wurde der Begriff ‘evidence-based’ erstmals 1990 von David M. Eddy, einem amerikanischem Arzt und Mathematiker im Zuge eines Artikels im ‘Journal of the American Medical Association’ verwendet (2). In diesem Artikel hält Eddy ein Plädoyer für eine Medizin, die ihre Entscheidungen nicht auf “aktuelle Vorgehensweisen und Meinungen von Experten sondern auf experimentelle Beweise stützt”. Dies markierte die Geburtsstunde einer Ideologie, die sich wie ein Lauffeuer durch die Institutionen der medizinischen Forschung ausbreitete, fortan Evidence-Based-Medicine (EBM) hieß und in einer 2003 in Sizilien abgehaltenen ‘Conference of Evidence-Based Health Care Teacher and Developers’ gipfelte.

5 praktische Schritte

Das Resultat der Konferenz in Sizilien war ein 2005 veröffentlichter Artikel unter dem Titel ‘Sicily statement on evidence-based practice’ (3), welcher die Anwendung von EBM anhand 5 praktischer Schritte beschreibt, die bis heute Gültigkeit besitzen:

    1. Übersetzung des klinischen Problems in eine Fragestellung, die durch wissenschaftliche Untersuchungen zu beantworten ist
    2. Systematische Literaturrecherche nach geeigneten Studien
    3. Kritische Evidenzbewertung über alle identifizierten Studien hinweg
    4. Anwendung der gewonnenen Einsichten in Abwägung der konkreten klinischen Situation
    5. Selbstkritische Evaluation und ggf. Anpassung der bisherigen Vorgehensweise (4)

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Arten von Studien und deren Qualität

Während alle dieser fünf Punkte essentiell sind, kommt dem Identifizieren geeigneter Studien in der EBM eine der wichtigsten Rollen zu. Denn Studie ist nicht gleich Studie. Um eine Bewertung der wissenschaftlichen Begründbarkeit einer Therapieempfehlung zu treffen und diese mit anderen zu vergleichen, eignet sich beispielsweise das weit verbreitete Evidence Rating der ‘Agency for Healthcare Research and Quality’, einer Agentur des US Department of Health and Human Service. Dieses teilt in fünf Evidenzklassen ein:

  • Ia – Wenigstens eine Metaanalyse auf der Basis methodisch hochwertiger randomisierter, kontrollierter Studien
    Ib – Wenigstens ein ausreichend großer, methodisch hochwertiger Randomized Clinical Trial
  • IIa – Wenigstens eine hochwertige Studie ohne Randomisierung
    IIb – Wenigstens eine hochwertige Studie eines anderen Typs, quasi-experimenteller Studie
  • III – Mehr als eine methodisch hochwertige nichtexperimentelle Studie wie etwa Vergleichsstudien, Korrelationsstudien oder Fall-Kontroll-Studien
  • IV – Meinungen und Überzeugungen von angesehenen Autoritäten (aus klinischer Erfahrung); Expertenkommissionen; beschreibende Studien
  • V – Fallserie oder eine oder mehrere Expertenmeinungen

Studien der Stufe Ia haben somit die höchste Evidenz, Studien der Klasse V die niedrigste.

Alltägliche Anwendung

Während diese beiden Schemata nur ein Teil der EBM sind, so reichen sie aus, um auch im klinischen Alltag ohne großen Aufwand unsere Praxis einem kritischem Blick zu unterwerfen. Wollen wir PatientInnen die wahrhaftig bestmögliche Behandlung zukommen lassen, so ist es unsere Pflicht diese Prinzipien anzuwenden und auch unsere bisherige Vorgehensweise kontinuierlich anhand dieser zu reevaluieren. Wir bei Diagnosia verschreiben uns dieser Vorgehensweise.

 

 

Quellen
  1. Poisson, Dulong; Larrey, Double (2001) [1835]. „Statistical research on conditions caused by calculi by Doctor Civiale“. Int J Epidemiol. 30 (6): 1246–49.
  2. Eddy DM (1990). „Practice Policies: Guidelines for Methods“. JAMA. 263 (13): 1839–41.
  3. Dawes M, Summerskill W, Glasziou P, et al. (January 2005). „Sicily statement on evidence-based practice“. BMC Med Educ. 5 (1): 1
  4. Cochrane Deutschland
  5. Agency for Healthcare Research and Quality
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