Orthopädie
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Interview – Unser Experte für Orthopädie

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Das Digitale Konsil von Diagnosia bietet ÄrztInnen im klinischen Alltag einen einfachen Weg, mit ExpertInnen verschiedenster Fachrichtungen zu chatten, um interessante Fälle zu diskutieren und sich eine Zweitmeinung einzuholen. Auf Diagnosia Insights stellen wir euch einige unserer KonsilärztInnen vor und lassen sie ein paar spannende Fragen zu ihrem Fachgebiet beantworten. Dr. Florian Domaszewski ist unser Experte für Orthopädie. Er ist Facharzt am Herz Jesu Krankenhaus und ist als Wahlarzt für Orthopädie im Ärztezentrum The Aurora tätig.

Herr Dr. Domaszewski, können Sie uns Ihren Werdegang in einigen Sätzen zusammenfassen?

Ich studierte Humanmedizin an der Medizinischen Universität Wien sowie am renommierten Karolinska Institut, Stockholm, Schweden von 2002-2008. Nach einem weiteren klinischen Aufenthalt in Schweden absolvierte ich die Ausbildung zum Facharzt für Unfallchirurgie an der Universitätsklinik für Unfallchirurgie, Medizinische Universität Wien, von 2009 – 2015. Anschließend wechselte ich an die I. Orthopädische Abteilung des Herz Jesu Krankenhauses, wo ich mit Oktober 2017 meine zweite Facharztausbildung zum Facharzt für Orthopädie und Traumatologie abschloss. Die Spezialisierung auf das Schulter-, Hüft- und Kniegelenk erfolgte im Rahmen der jahrelangen Mitarbeit an der Schulterambulanz der Universitätsklinik für Unfallchirurgie sowie der derzeitigen Anstellung am Herz Jesu Krankenhaus, der Fachklinik mit einer der meisten jährlich in Österreich durchgeführten Prothesen-Operationen für Schulter-, Hüft- und Kniegelenk. Regelmäßige Präsentationen und Vortragstätigkeiten an großen nationalen und internationalen Kongressen (ICSES, SECEC, ESTES, DVSE,…) ermöglichen es mir, meinen Patienten Behandlungskonzepte nach dem modernsten Stand der Wissenschaft anzubieten.

Angenommen, Sie müssen eine junge Ärztin / einen jungen Arzt von der Orthopädie überzeugen. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, diese Fachrichtung zu wählen?

Über all die Jahre hat mir immer der operative Teil der Orthopädie sehr gefallen. Eine Operation gibt die Möglichkeit, eine Situation durch sein eigenes Handeln zu verbessern. Eine erfolgreiche Operation gibt einem ein unglaublich positives Feedback durch den Patienten. Gerade in der Orthopädie gibt es viele Operationen, welche dem Patienten eine deutliche Verbesserung oder Linderung seines Leidens ermöglichen. Als bestes Beispiel dient wahrscheinlich die Hüftgelenksprothese: Nach 25 Jahren wird bei 60% der operierten Hüftgelenksprothesen noch immer keine weitere Operation benötigt. Dies macht die Hüftgelenksprothese zu wahrscheinlich einer der erfolgreichsten Operationen in der gesamten Medizin.

Seit einigen Jahren wurde nun auch in Österreich der Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie eingeführt. Was halten Sie von dieser Zusammenlegung? Wie wirkt es sich auf die Kompetenzen der jungen ÄrztInnen aus, im gleichen Ausbildungszeitraum einen deutlich größeren Fachbereich abzudecken?

Es gibt Bereiche der Orthopädie und der Unfallchirurgie, wo sich beide Fachrichtungen überschneiden. Nichtsdestotrotz sind die Blickwinkel beider Fächer teilweise sehr unterschiedlich, schon allein durch die Tatsache, dass die Orthopädie meist eher geplant, also elektiv, ist, die Unfallchirurgie jedoch hauptsächlich akuten Handlungsbedarf zeigt. Beide Seiten kennenlernen zu dürfen ist für junge KollegInnen sicher ein Vorteil. Ein Problem für junge KollegInnen ist nicht nur den größeren Fachbereich in derselben Ausbildungszeit zu erlernen. Gleichzeitig kam mit der Einführung des Arbeitszeitgesetzes eine wesentlich geringere wöchentliche Arbeitszeit auf junge KollegInnen zu, das heißt, es bleibt ihnen weitaus weniger Zeit, auf denselben Ausbildungsstand zu kommen. Gerade in einem operativen Fach bedeutet das Operieren ein Handwerk zu erlernen. Für dieses Handwerk benötige ich eine gewisse Frequenz, das heißt Anzahl an Operationen. Es wird sich daher noch viel an den organisatorischen Abläufen der Ausbildung ändern müssen, dies hinkt jedoch eindeutig viele Jahre hinter dem bereits implenentierten Gesetz hinterher.

Die Wartezeiten für einen Termin zu einer Erstuntersuchung sind bei niedergelassenen OrthopädInnen mit Kassenverträgen in der Regel sehr lang. Dies führt zunehmend zu einer größeren Nachfrage nach privaten WahlärztInnen, weshalb sich junge ÄrztInnen immer öfter für dieses Modell entscheiden. Wie sehen Sie diesen Trend und welchen Einfluss hat diese Entwicklung Ihrer Meinung nach auf die flächendeckende medizinische Versorgung?

Ich sehe weniger das Problem der langen Wartezeit auf einen Termin beim Orthopäden mit Kassenvertrag. Wenn ich bei mehreren Orthopäden mit Kassenvertrag bezüglich eines Termins anrufe, sollte ich in ein paar Tagen einen bekommen. Bei akuten Schmerzen kann man einige große orthopädische Kassenordinationen in Wien ohne Termin aufsuchen und man wird, mit entsprechender Wartezeit, behandelt. Ich sehe vielmehr das Problem, dass sich der Orthopäde mit Kassenvertrag aufgrund der Honorierung durch die Krankenkassen kaum Zeit für den Patienten nehmen kann. Dies führt zu einer relativen Unzufriedenheit bei den Patienten.

In den letzten Jahren gibt es auch immer mehr KollegInnen, welche den Krankenhausberuf (und daher das Operieren) nicht für eine Kassenordination aufgeben möchten. Die aktuellen Kassenverträge lassen eine individuelle Bestimmung der Arbeitszeit in einer Ordination nicht zu und man muss mindestens 4 Tage die Woche in der Ordination praktizieren. Als orthopädischer Chirurg arbeitet man jedoch mehrere Tage die Woche im Krankenhaus, um eben Zeit fürs Operieren zu haben. Daher ergibt sich hier schon mal ein zeitliches Problem. Eine Wahlarztordination kann man zusätzlich zur Krankenhausarbeit betreiben. Sie gibt einem die Gelegenheit, bei stressfreier und entspannter Atmosphäre seine Patienten vor oder nach einer Operation zu betreuen. Für die flächendeckende medizinische Versorgung sorgt jedoch auf alle Fälle der Orthopäde mit Kassenordination, da er in kürzerer Zeit eine weitaus höhere Anzahl an Patienten behandelt. Solange die Leistungen durch die Krankenkassen weiterhin gekürzt werden, sich der Patient viele Leistungen selber zahlen darf (z.B. Knorpelaufbautherapie) und die „Zeit“ durch die Krankenkasse nicht honoriert wird, werden die Wahlarztordinationen weiterhin florieren.

Laut Gender-Index des Bundesministeriums für Bildung und Frauen sind 35% aller FachärztInnen Frauen. In der Orthopädie ist diese Zahl sogar noch viel niedriger, hier beträgt der Frauenanteil lediglich 12%. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für dieses unausgeglichene Geschlechterverhältnis, wie kann man dieses verbessern und wie könnte die Fachrichtung Orthopädie davon profitieren?

Es wird vermutlich immer gewisse Fächer geben, wo ein höherer Männer- bzw. Frauenanteil vorliegt. Es gibt medizinische Fächer, z.B. Gynäkologie, Kinderheilkunde, Dermatologie etc., wo es bereits einen höheren Frauen- als Männeranteil gibt. Auch bei den MedizinstudentInnen in Österreich gibt es einen gering höheren Frauen- als Männeranteil. Ich denke, dass sich der Gender-Index über die Generationen angleichen wird. Wenn ich den Frauenanteil von den OberärztInnen über die FachärztInnen zu den AssistenzärztInnen an den orthopädischen Abteilungen betrachte, so steigt die Anzahl der Frauen von oben (OberärztInnen) nach unten (AssistenzärztInnen) deutlich an. Jedenfalls müsste bei der Vereinbarung von Beruf und Familie mehr Frauenförderung betrieben werden, um ein schnelleres Angleichen beim Gender-Index zu ermöglichen, insbesondere ist hier der Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternkarenz gemeint. Ein ausgeglichener Gender-Index würde einer orthopädischen Abteilung jedenfalls Vorteile bringen. Einer Abteilung mit ausgeglichenem Gender-Index würden unterschiedlichere Strategien und Herangehensweisen sowie ein breiteres Teamgefüge zur Verfügung stehen.

Durch die steigende Lebenserwartung werden immer mehr Menschen im Laufe ihres Lebens auf einen Gelenkersatz angewiesen sein. Wie hat sich die Endoprothetik in den letzten Jahren verändert und wie sieht ihrer Meinung nach der Gelenkersatz der Zukunft aus?

Die immer älter werdende Bevölkerung ist ein Grund für die immer höher werdende Anzahl an Prothesenoperationen. Es haben sich bei den Endoprothesen in den letzten Jahren einerseits die Implantate, die Operationsmethoden (z.B. „minimal invasiv“ bei Hüftendoprothesen) und auch das Setting rund um die Operation („rapid recovery“: raschere Mobilisierung nach Prothesenoperation) deutlich verbessert. Während man früher nach einer Prothesenoperation mindestens 2 Wochen im Spital verweilte, kann man heute bereits nach drei Tagen das Krankenhaus verlassen. Der Gelenksersatz der Zukunft wird wohl noch individueller, d.h. auf den Patienten „zugeschnitten“ aussehen. Die medizinische Bildgebung gibt bereits die Möglichkeit, vor der Operation vieles vorauszuplanen, um so eine Prothesenoperation noch „sicherer“ zu gestalten.

Wir bedanken uns herzlich für die Beantwortung unserer Fragen! Dr. Domaszewski steht euch neben ÄrztInnen weiterer Fachrichtungen im Digitalen Konsil der Diagnosia-App zur Verfügung.

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