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5 Mythen zu Migration und Gesundheit

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Am 8. Dezember 2018 fand die Präsentation der Abschluss-Ergebnisse des UCL-Lancet Commission on Migration and Health statt. Die Kommission, bei der es sich um einen Zusammenschluss des prestigeträchtigen University College London und dem renommierten Journal ‘The Lancet’ handelt, untersuchte über die letzten zwei Jahre unter Führung von Professor Ibrahim Abubakar (UCL) et al. die Auswirkungen von Migration auf Gesundheit und Gesundheitssysteme auf globaler Ebene. Dabei arbeiteten 20 führende Experten aus 13 Nationen daran, die Daten von insgesamt 96 Studien über 15.2 Millionen MigrantInnen aus 96 Ländern weltweit in Form eines Systematic Review zu analysieren. Wie ein Systematic Review nach den Regeln der Evidence Based Medicine (EBM) zu bewerten ist, konntet ihr unlängst auf Diagnosia Insights lesen.

Mit Fakten gegen Mythen

In Ihrem Abschluss-Report formuliert die Kommission 5 Thesen, die im Zusammenhang von Migration, Gesundheit und Wirtschaft immer wieder auftauchen. Die Autoren bezeichnen diese als “gefährliche, unbestätigte Mythen, welche benutzt werden, um eine Politik der Exklusion zu rechtfertigen”. In Folge nutzten sie die von ihnen analysierten Daten, um sie zu widerlegen.

Werden Ländern mit hohem Einkommensniveau von MigrantInnen überlaufen?


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2017 lag die Zahl der Menschen, welche international migrierten, d.h. von ihrem Ursprungsland in ein anderes, bei 258 Millionen. Dies entspricht ca. 3,4% der Weltbevölkerung und bedeutet einen geringen Anstieg gegenüber 1990, als dieser Prozentsatz noch 2,9% betrug. Ungefähr 65% dieser MigrantInnen sind ArbeitsmigrantInnen, ein deutlich niedrigerer Teil Flüchtende und Asylsuchende. Dabei ist der Anteil, den Flüchtende und Asylsuchende an der Gesamtbevölkerung ihres Ziellandes ausmachen interessanterweise mit 0.2% in Ländern mit hohem Einkommensniveau (dazu zählt beispielsweise die EU oder Nordamerika) sogar niedriger als in jenen mit niedrigem Einkommensniveau, wo er 0.7% beträgt.

Schadet Migration der Wirtschaft?

Die wissenschaftliche Beweislage zum positiven Einfluss von Migration auf die Wirtschaft ihrer Zielländer ist ausgesprochen groß. In fortgeschrittenen Volkswirtschaften konnte festgestellt werden, dass eine Steigerung der Migration um 1% zu einem durchschnittlichen Wachstum des B.I.P pro Kopf um ca. 2% führt. Weiters tragen MigrantInnen stark zur globalen Umverteilung von Wohlstand bei. 2017 wurden von ihnen in etwa 617 Milliarden USD. an Familienangehörige im Ursprungsland geschickt – dies ist der dreifache Betrag der gesamten Entwicklungshilfe aller Industrienationen weltweit.

Sind MigrantInnen eine Belastung für das Gesundheitssystem?

Menschen mit Migrationshintergrund stellen einen substantiellen Teil der Arbeitskräfte im Gesundheitsbereich dar. So haben beispielsweise 37% aller ÄrztInnen in Großbritannien ihren medizinische Qualifikation im Ausland erhalten. Eine anhand der 15.2 Millionen Menschen durchgeführte Meta-Analyse kam zu dem Ergebnis, dass MigrantInnen eine niedrigere Mortalität in einer Vielzahl an Krankheitsbildern aufweisen als die Grundbevölkerung des Ziellandes. Dies bedeutet niedrigere Kosten für das Gesundheitssystem. Die einzigen zwei Ausnahmen dabei waren das Mortalitätsrisiko für externe Ursachen, wie beispielsweise Körperverletzung, und Infektionskrankheiten für welche in ihrem Ursprungland ein höheres Risiko herrschte z.B. Hepatitis.

Sind MigrantInnen TrägerInnen von Krankheiten, die ein Risiko für die ursprüngliche Bevölkerung darstellen?

Diesen Mythos bezeichnete die Kommission als einen der am weitesten verbreiteten und auch gefährlichsten. Im Zuge der Auswertung der enormen Menge an Daten von MigrantInnen wurde kein Nachweis für eine Assoziation von Migration und dem Import von Infektionskrankheiten erbracht. Studien zu Tuberkulose zeigten, dass deren Übertragungsrate innerhalb von Haushalten und Communities von MigrantInnen höher ist. Das Risiko für eine Infektion für die Bevölkerung des Ziellandes wird davon aber nicht beeinflusst. Rezente Untersuchungen zur internationalen Verbreitung von resistenten Keimen zeigten, dass hierfür hauptsächlich Reisende, der Tourismus und der Import bzw. Export von Nutztieren zu verantworten ist.

Haben Migrantinnen eine höhere Geburtenrate als die einheimische Bevölkerung?

In politische Diskussionen findet sich oft die Argumentation, dass durch die höhere Geburtenrate von Migrantinnen ein Bevölkerungsaustausch stattfindet. Die Analyse mehrerer Langzeitstudien aus 6 Europäischen Ländern (Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweden. Schweiz & Großbritannien) durch die Kommissionsmitglieder zeigte jedoch, dass die Geburtenrate von Frauen mit Migrationshintergrund sogar niedriger ist als jene der Grundbevölkerung dieser Länder.

Unbestätigte Mythen: Eine Gefahr für Individuen und die Gesellschaft

Der UCL-Lancet Report schließt mit dem Plädoyer, dass solche Mythen und Stereotypen, welche keinerlei wissenschaftliche Grundlage besitzen und oft als politische Werkzeuge verwendet werden, eine Gefahr für Individuen, aber auch die gesamte Gesellschaft darstellen. MigrantInnen, denen auf Basis falscher Tatsachen Rechte und ein Zugang zur Gesundheitsversorgung verwehrt oder erschwert werden, weisen ein deutlich höheres Risiko für gesundheitliche Probleme auf.  Dadurch erhöht sich nicht nur deren individuelles Erkrankungsrisiko, sondern steigt auch die wirtschaftliche und soziale Belastung für die gesamte Gesellschaft.
Wir bei Diagnosia sind Verfechter von wissenschaftlich begründeten Fakten und als ÄrztInnen und Ärzte dem Menschen verpflichtet, ungeachtet dessen Herkunft.

 

Quellen

  1. Ibrahim Abubakar et al. The UCL–Lancet Commission on Migration and Health: the health of a world on the move. The Lancet, 2018; DOI: 10.1016/S0140-6736(18)32114-7
  2. Science Daily
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