Teilen von Tabletten
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Alle Tabletten kann man einfach teilen – oder?

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Frau Hermine A. benötigt aufgrund ihrer Herzinsuffizienz eine Therapie mittels Digitoxin. Da es sich bei Fräulein A. um eine eher schmächtige alte Dame handelt, reichen 0,05 mg als Erhaltungsdosis aus. Mit der Diagnosia App seht ihr flott nach, in welchen Dosierungen Digitoxin am Markt ist und müsst leider feststellen, dass ihr nur die Wahl zwischen 0,07 und 0,10 mg habt. “Kein Problem”, denkt ihr euch und setzt an, der Patientin 0,10 mg zu verschreiben, mit dem Hinweis, die Tabletten einfach zu teilen. Doch kann man das bei Arzneimittel mit solch niedriger Wirkstoffmenge überhaupt? Und was ist mit der geringen therapeutischen Breite von Digitoxin? Ihr zögert.

Warum teilen?


Die Gründe, Tabletten zu teilen, sind vielseitig. Arzneitmittel-Hersteller sparen Kosten, da sie nicht unterschiedliche Dosierungen des selben Wirkstoffes produzieren müssen, Ärztinnen und Ärzte haben einen größeren Spielraum, was die verschriebene Menge eines Medikaments betrifft und Patientinnen und Patienten gewinnen mehr Autonomie über ihre Therapie. Aus diesen Gründen haben sich mehrere Studien damit auseinander gesetzt, wie sicher, ökonomisch und effektiv das Teilen von Tabletten tatsächlich ist.

1/2 = 0,5?


Ein 2012 im Journal ‘The Consultant Pharmacist’ erschienener Review über 30 bisher auf diesem Gebiet durchgeführten Studien beschäftigte sich in zwei Teilen mit dem Verlust von Gewicht bzw. Wirkstoffgehalt, welcher beim Teilen von Tabletten auftritt und in weiterer Folge mit den Auswirkungen auf den klinischen Outcome des Teilens. Während eine Mehrheit der Studien das Teilen zwar mit einer großen Fluktuation von Gewicht und Wirkstoffgehalt assoziierte, ließ sich in den untersuchten Bereichen, der Therapie von Hypertonie, Hypercholesterinämie und psychiatrischen Störungen, kein Einfluss auf das klinische Outcome feststellen (1, 2).
Das heißt, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen und Fräulein A. spaziert mit einem Rezept über 0,1 mg Digitoxin aus unserer Ordination? Mitnichten. Eine rezentere Studie hat Probanden verschiedene Arzneimittel mithilfe eines Messers spalten lassen und festgestellt, dass rund 16,2% der so geteilten Tabletten nicht die Kriterien der ‘Uniformity of Dosage’ der ‘United States Pharmacopeia’ eine Voraussetzung zur Zulassung von Arzneimittel der ‘Food and Drug Administration’ (FDA), erfüllen. Die Arzneimittel mit den Wirkstoffen Bromazepam, Carvedilol und Digoxin zeigten hierbei den größten Verlust an Gewicht und Wirkstoffgehalt (3).

Diagnosia App

Wie teilen?


Die FDA nahm diese und ähnliche Studien zum Anlass, ihren Leitfaden mit dem Titel ‘Guidance for Industry on Tablet Scoring’ herauszugeben. Hierbei handelt es sich um einen Guide für Arzneimittel-Hersteller, der eine Herstellung von besser teilbaren Tabletten ermöglichen soll.
Um die Umsetzung des Leitfadens zu überprüfen, führte die FDA wenig später selbst eine Studie durch, bei welcher der Wirkstoffgehalt von Tabletten unterschiedlicher Hersteller mit und ohne Sollbruchstelle untersucht wurde. Als Wirkstoffe wurden Amlodipin und Gabapentin gewählt, um der Hypothese, die Variabilität würde sich bei Arzneimitteln mit sehr niedriger Dosierung besonders stark zeigen, nachzugehen. Geteilt wurde dabei sowohl per Hand als auch mit unterschiedlichen Modellen von Tabletten-Teilern. Wenig überraschend zeigten die Ergebnisse eine deutlich größere Variabilität des Wirkstoffgehalts bei Tabletten ohne Sollbruchstelle gegenüber jenen mit ebendieser, sowie beim Teilen von Hand gegenüber per Tabletten-Teiler (4).

Conclusio


Somit lässt sich die Frage ob der generellen Teilbarkeit von Tabletten nicht einheitlich beantworten. Es wurde gezeigt, dass ein Teilen ohne veränderten klinischen Outcome möglich ist, es dabei aber unbedingt bestimmte Parameter zu beachten gilt: Generell eignen sich Arzneimittel mit größerer therapeutischer Breite und längerer Halbwertszeit eher als das Digitoxin von Fräulein A. Weiters gilt es, die korrekte Durchführbarkeit des Teilens durch die Patientin bzw. den Patienten sicherzustellen. Hier spielen vor allem Sollbruchstelle, Vorhandensein eines Tabletten-Teilers und allgemeine kognitive und motorische Fähigkeiten eine Rolle.
Der beste und sicherste Weg ist jedoch immer noch, das Teilen zur Gänze zu vermeiden. Dies gelingt, indem man die unterschiedlichen Dosierungen der einzelnen Hersteller kennt und so die exakt passende Dosierung verschreiben kann. Super leicht lässt sich dies z.B. mit der Diagnosia App nachschlagen. Hier könnt ihr alle am Markt erhältlichen Medikamente eines bestimmten Wirkstoffes, nach Herstellern und Dosierungen sortiert, ganz einfach per Suchfunktion finden.

 

Quellen

  1. Freeman MK, White W, Iranikhah M. Tablet splitting: a review of weight and content uniformity. Consult Pharm. 2012;27(5):341-52.
  2. Freeman MK, White W, Iranikhah M. Tablet splitting: a review of the clinical and economic outcomes and patient acceptance. Second of a 2-part series. Part 1 was published in May 2012 (Consult Pharm 2012;27:239-53). Consult Pharm. 2012;27(6):421-30.
  3. Helmy SA. Tablet splitting: is it worthwhile? Analysis of drug content and weight uniformity for half tablets of 16 commonly used medications in the outpatient setting. J Manag Care Spec Pharm. 2015;21(1):76-86.
  4. Ciavarella AB, Khan MA, Gupta A, Faustino PJ. Dose Uniformity of Scored and Unscored Tablets: Application of the FDA Tablet Scoring Guidance for Industry. PDA J Pharm Sci Technol. 2016;70(6):523-32.
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