Antidepressiva
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Schlechter Longterm-Outcome von Depression bei Antidepressiva-Therapie

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Antidepressiva führen langzeitlich zu mehr Depression

Eine rezente Untersuchung des Instituts für angewandte Psychologie der Universität Zürich brachte neue Erkenntnisse in der medikamentösen Therapie von depressiven Erkrankungen. Die prospektive Kohorten-Studie begleitete demnach 335 Patienten über einen Zeitraum von 30 Jahren. Sie kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Anwendung von medikamentösen Antidepressiva führt zu einem schlechteren Langzeit-Outcome bei Depression. (1)

Zuletzt häuften sich wissenschaftliche Arbeiten, die ein ähnliches Bild zeichneten. So kamen folglich zwei Forschungsteams, welche die langfristige Effektivität von Antidepressiva über ein Jahr hin untersuchten, zu der Erkenntnis, dass diese keine signifikante Auswirkung auf die Remissions-Freiheit haben (2, 3). Eine groß angelegte Meta-Analyse konnte in 6-8 monatigen Studien zudem ebenfalls keinen Vorteil der medikamentösen Therapie gegenüber Placebo in Hinblick auf Remission und frühzeitigen Therapieabbruch finden. (4)

30 Jahre später

Was die nun erschienen Ergebnisse so spannend macht, ist die Tatsache, dass es sich hierbei um die mit Abstand am längsten laufende Untersuchung hierzu handelt. Dabei wurden 1978 aus 19- und 20-jährigen BewohnerInnen Zürichs 591 ProbandInnen ausgewählt, zwei Drittel davon mit psychopathologischen Erkrankungen, welche über einen Zeitraum von 30 Jahren regelmäßig in semi-strukturierten Interviews von Psychologen und Psychiatern evaluiert wurden. Gleichzeitig wurde ihr Antidepressiva-Konsum dokumentiert, wobei 335 ProbandInnen den Endpunkt nach 30 Jahren erreichten.

Anhand dieser verbleibenden Kohorte konnte ein, unabhängig vom Grad der Erkrankung am Beginn der Studie, statistisch signifikant schlechterer Outcome jener ProbandInnen mit medikamentöser Antidepressiva-Therapie festgestellt werden. Dieser behielt seine Signifikanz, selbst nachdem die Untersuchung einer Kontrolle nach prädeterminierenden Faktoren wie Soziodemographie, schwerer Depression zu Studienbeginn, familiärer Häufung von depressiven Erkrankungen oder affektiven Störungen bzw. Suizidalität zu Studienbeginn unterzogen wurde.

Neurobiologische Ursachen

Eine mögliche Erklärung dafür sehen die AutorInnen darin, dass gängige medikamentöse Therapien stark in den neurobiologischen Mechanismus unseres Gehirns eingreifen und dort langfristig womöglich zu Rezeptor-Sensibilisierung bzw. sogar zu erhöhter Anfälligkeit für Remission führen. Vor dem Hintergrund, dass die Verschreibungszahlen von Antidepressiva in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich ansteigen, sind diese Ergebnisse jedenfalls ein erster Hinweis dafür, dass die derzeit gängigen Therapie-Schemata eventuell einer Evaluierung bedürfen.

Wir bei Diagnosia finden es großartig, wie Forschung für konstant neue Erkenntnisse sorgt. Daher bemühen wir uns, euch stets über den aktuellsten Stand der Wissenschaft zu informieren.

Quellen

1. Hengartner MP, Angst J, Rossler W. Antidepressant Use Prospectively Relates to a Poorer Long-Term Outcome of Depression: Results from a Prospective Community Cohort Study over 30 Years. Psychother Psychosom. 2018.

2. Rush AJ, Trivedi M, Carmody TJ, Biggs MM, Shores-Wilson K, Ibrahim H, et al. One-year clinical outcomes of depressed public sector outpatients: a benchmark for subsequent studies. Biol Psychiatry. 2004;56(1):46-53.

3. Pigott HE, Leventhal AM, Alter GS, Boren JJ. Efficacy and effectiveness of antidepressants: current status of research. Psychother Psychosom. 2010;79(5):267-79.

4. Deshauer D, Moher D, Fergusson D, Moher E, Sampson M, Grimshaw J. Selective serotonin reuptake inhibitors for unipolar depression: a systematic review of classic long-term randomized controlled trials. CMAJ. 2008;178(10):1293-301.

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Über den Author

Lorenz Pichler
Medizinstudent im letzten Studienjahr mit der Ambition zum Unfallchirurg und Orthopäden. Besitzt abseits vom Hammern, Schrauben und Sägen ein Faible für Skitouren, Fahrräder, die Berge und Evidence Based Medicine. Bei Diagnosia schreibt er über rezente Forschung, therapeutische Guidelines und spannende Patient-Cases.